Unterleuten: Roman - Juli Zeh

Sie hatte nicht vergessen, warum sie Gerhard geheiratet hatte. Wie alle ihre Freundinnen und Kommilitoninnen hatte sie jahrelang Pech mit Männern gehabt und es kaum bemerkt, weil Pech mit Männern den Normalfall darstellte. Für emanzipierte junge Frauen gab es einfach keine männlichen Gegenstücke.

Im ICE konnte man ältere Ehepaare beobachten, die stets zu zweit an einem Vierertisch saßen. Während die Frau ein Soduko löste, las der Mann die Frankfurter Allgemeine Zeitung, wobei er gelegentlich durch kurzes Auflachen seine Verachtung für das Gelesene zum Ausdruck brachte. Irgendwann rief er: "Marianne, hör dir das an," und las einige Zeilen aus der Zeitung vor. Darauf folgte eine ausführliche Erklärung, welche gravierende Denkfehler der strohdumme Autor begehe und warum die Zeitung heutzutage das Papier nicht mehr wert sei, auf dem sie gedruckt wurde. Marianne sagte "Du hast recht" und förderte eine Tupperdose mit Salamibroten zutage. Der Mann empörte sich lautstark über die kleinbürgerliche Angewohnheit, auf jede noch so kurze Reise eine Proviantpaket mitzunehmen, aß dann hungrig von den Broten und nahm noch ein hartgekochtes Ei dazu.

In den meisten Kommilitonen konnte Jule heute schon den Privatdozenten aus dem ICE erkennen. Bis auf wenige Ausnahmen, die nett und so langweilig waren, dass man es beim besten Willen nicht mit Ihnen aushielt.

Die Idee zu Gerhard war simpel gewesen. Er konnte kein Vollidiot mehr werden, weil er sich in einem Alter befand, in dem die meisten Männer schon einer waren. Bei einem 45-jährigen lagen die Dinge bereits auf der Hand. Ein Testlauf barg wenig Risiko.

 

Das ist so zynisch und böse. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen ;)